Compliance und Mittelstand – zwei Welten treffen aufeinander?

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Roland Franz Erben.

Bekanntermaßen sind die Definitionsansätze für den Begriff „Compliance“ äußerst vielschichtig, facettenreich und heterogen. Doch egal, welche Begriffsbestimmung man sich ansieht – in keiner einzigen taucht die Einschränkung auf, dass „die Einhaltung von Gesetzen und Regeln“ (so eine recht populäre Compliance-Definition) erst für Unternehmen ab einer bestimmten Größe gelten sollte. In der Praxis scheint eine solche Einschränkung des Geltungsbereichs jedoch durchaus zu existieren. Zumindest belegen zahlreiche Studien (und das nun schon seit Jahren und mit beunruhigender Regelmäßigkeit), dass der Nachholbedarf in diesem Bereich bei kleinen und mittelständischen Unternehmen noch weitaus stärker ausgeprägt ist als bei den „Global Playern“ dieser Welt. Teilweise mag dies noch durch den Umstand zu erklären sein, dass die schiere Anzahl der relevanten Vorschriften und Regelungen natürlich durchaus mit der Unternehmensgröße zusammenhängt: Einem Mittelständler, der seine Produkte ausschließlich auf der Schwäbischen Alb verkauft, können die gesetzlichen Vorschriften zur Produkthaftung in Patagonien schließlich herzlich egal sein. Dennoch liegt die Vermutung nahe, dass die offensichtlich recht unzureichende Auseinandersetzung mit dieser Thematik nicht nur aus mangelnder Relevanz, sondern viel mehr aus mangelnder Motivation resultiert.

Gefragt nach den Gründen für die weit verbreitete Ignoranz gegenüber dem Themenkomplex „Compliance“ werden in aller Regel die Argumente „zu wenig Zeit“ und „zu viel Aufwand“ angeführt. Dass ein unternehmensweites Compliance-System nicht zum Nulltarif zu haben ist, liegt zwar auf der Hand. Der Aufbau paralleler „Schattenorganisationen“ mit einer Vielzahl von Mitarbeitern und Prozessen, der in manchen Unternehmen in den letzten Jahren zu beobachten war und der (zurecht!) als abschreckendes Beispiel dient, ist jedoch alles andere als sinnvoll. Anstatt beispielsweise getrennte Compliance- und Risikomanagement-Organisationen zu unterhalten, die isoliert nebeneinander (oder schlimmstenfalls sogar gegeneinander) arbeiten und dabei auch noch unterschiedliche IT-Systeme und Datenbestände nutzen, liegen in der stärkeren Integration dieser beiden Funktionen erhebliche Synergiepotenziale.

Neben diesem Aspekt der Integration hat der Mittelständler gegenüber dem Großunternehmen bei der Implementierung ganzheitlicher Compliance-Programmen noch einen weiteren entscheidenden Vorteil: „Compliance“ beginnt zu allererst in den Köpfen der Mitarbeiter. In praktisch allen Studien zu Compliance-Erfolgsfaktoren rangiert der gern und oft zitierte „Tone from the top“ ganz weit oben. In einem typischen (häufig ja noch inhabergeführten) Mittelständler sitzt der Chef in aller Regel aber sehr „nahe“ an seinen Mitarbeitern, dient als Identifikationsfigur, Vorbild und „Leithammel“ im besten Sinne.

Von den vielfältigen Vorteilen eines ganzheitlichen Compliance-Programms dürfte ein Mittelständler in (mindestens!) ebenso starkem Maße profitieren wie sein globalisierter Wettbewerber. Wenn er die beiden Hebel „Integration“ und „Identifikation“ richtig in Bewegung setzt, sollte ihm die Implementierung eines solchen Programms aber deutlich weniger Aufwand und Kopfschmerzen bereiten.

Zum Gast-Autor:
Prof. Dr. Roland Franz Erben ist Professor für Betriebswirtschaftslehre im Studiengang „Wirtschaftspsychologie“ an der Hochschule für Technik (HfT) Stuttgart. Zuvor war er als Risk Management Consultant sowie Chefredakteur mehrerer Fachzeitschriften zu den Themengebieten „Risikomanagement“ und „Compliance“ tätig.

One thought on “Compliance und Mittelstand – zwei Welten treffen aufeinander?

  1. Martina S.
    9. April 2014 at 11:00

    Compliance ist ein vernachlässigtes Feld. IT wurde die letzten Monate und Jahre groß geschrieben und deutliche Fortschritte sind ersichtlich. Bei der Compliance Thematik müsste der Anstoß jedoch von oben kommen und müsste mit einer selbstkritischen Haltung der obersten Führungsebene eingeläutet werden. Ohne auslösendem Ereignis wird dies jedoch vermutlich häufig als nicht notwendig erachtet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Captcha * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.